Von Entwöhnung und Verwöhnung

Fußball. Im Stadion. Und dann auch noch ein guter von unserem FC St. Pauli. Ist das das neue Normal? Ist das die Meisterschaft? Es ist auf jeden fall die Tabellenführung und besser als all die Monate auf der Couch.

1 Jahr, 7 Monate und 2 Tage

Geisterspiele, spärlich gefüllte Stadion und dutzende ruckelnder Streams. So sollte Fußball nicht sein. Mehr als anderthalb Jahre mussten vergehen, bis ich wieder unser Millerntor wieder betreten sollte. In der Zwischenzeit ist unser Team einmal ins tiefe Tal gerauscht, um von dort aus ganz an den Gipfel zu klettern. Klar, der Fußball sah seit der zweiten Hälfte der vergangenen Saison auch auf dem Bildschirm schon gut aus, aber das alles in echt zu sehen, den Geruch, den Gestank, das Gedränge zu erleben: es fühlte sich komisch und doch so gewohnt an. Viele Anwesenden machten einen geradezu routinierten Eindruck. Vielleicht lag es daran, dass manche im Stadion schon ihr erstes Mal in den vergangenen Wochen hinter sich gebracht hatten. Oder, dass die, die gegen Dynamo zum ersten Mal wieder im Millerntor waren, sich gerne in alte Gewohnheiten fügen wollten.

Eine halbe Ewigkeit

Lautes, das Gerauchthaben von tausenden Zigaretten hörbar machendes Lachen; Ketchup-Pappteller, in die früher oder später jemand reintreten wird; und Gesänge, die wir schon so oft, aber so lange nicht mehr gehört haben: dieser Besuch ist eine zarte Rückkehr in eine lange nicht mehr gefühlte – ja – Normalität. Es tut schlichtweg gut, beim Starren auf Zahlen die vielen Punkte unseres FC St. Paulis zu sehen statt die gewohnte Liniendiagramme und Dunkelrotgefleckten Karten. Ich selbst habe mich lange schwer damit getan, diese neue Phase zu akzeptieren, mit ihr zu leben. Ja, man kann vieles wieder machen. Aber man konnte auch zu Niedrig-Impf-Und-Hoch-Inzidenz-Zeiten im Flieger nach Malle düsen. Dass wir jetzt wieder eine mehr oder minder laute Südkurve (Stimmungsdiskussion, ich vermisse dich) erleben können, dieses Hobby wieder fühlen können, dass um einen herum tausende fremder Menschen (ohne Maske!!!) sind: Abgewöhnt, merkwürdig, ein Relikt aus grauen Vortagen. Aber (auch) dafür haben sich viele impfen lassen. Drücken wir uns allen die Daumen, dass es gut ausgeht.

Wenige Sekunden

Vom Schultz-Fußball (ist ja so ein Mode-Ding, jede Art von Gekicke mit nem Trainer-Label zu versehen) konnten wir uns nun schon seit Monaten mit Freude überzeugen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wann ich zuletzt ein Team in unseren Farben gesehen habe, dass mich sportlich so überzeugt (diese Aufstiegssaison mit Ebbers, Kruse vielleicht). So viele Jahre des Aufs und des Abs, was im Grunde einer Stagnation gleichkam. Diese Saison hat im Grunde nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder machen die Jungs so weiter, und ja, dann steigen wir am Ende einfach auf (im Gegensatz zu Schalke, zum hsv und so manch anderen). Oder sie wird letztlich früher oder später zur Enttäuschung führen, bei der wir uns eine Zeit lang richtig gut fühlen konnten.

Dass ein Christopher Buchtmann (wie lange ist der bei uns? Zehn Jahre oder so?) auf seine mittelalten Tage nach gefühlten zehn Sekunden so einen Hammer aus den geschundenen Beinen tackert! Dass ein Hartel, Kyereh usw. spielerisch dermaßen Dominanz ausstrahlt. Da wird einem klar, wo die Reise tatsächlich hingehen könnte – entweder wir steigen auf oder so manche von denen ohne uns. Hoffen wir auf Ersteres.

Ich habe nie an meiner Passion für unseren Verein gezweifelt. Aber die räumliche und ideelle Distanz zum Profisport ist in den vergangenen anderthalb Jahren sicher nicht kleiner geworden. Heute haben wir uns aber angenähert. Die Elf auf dem Platz und die 14.773 auf den Tribünen haben es einem sehr leicht gemacht.

2 Gedanken zu “Von Entwöhnung und Verwöhnung

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