Einfach mal die Fresse halten

Und singen, schreien, unterstützen.

Es ist wie so oft im Leben. Die Dinge, die wir uns vornehmen, und die, die wir dann auch umsetzen, liegen manchmal so weit auseinander wie unser FC St. Pauli und die Aufstiegsränge. Leidenschaft, volle Lautstärke und drei Heimpunkte – all das hat nur in Teilen geklappt. So lässt einen das 1:1 gegen den FSV Frankfurt auf dem Rasen und den Rängen ein wenig ratlos zurück.

Mensch Millerntor

Da wird allerorten der „Roar“ beschworen. USP fordert und fördert Leidenschaft, Süd und Gegengerade zeigen richtig imposante Choreos. Und dann: nichts. Oder zumindest nicht viel. Ist es die Abstiegsangst, die euch in die Knochen kriecht, haben viele trotz des Sieges in Braunschweig  schon abgeschlossen? Handy hier, Gesabbel da. Klar, dass man da auch auf dem Zaun mal ein paar Worte verliert. Aber die Leute waren mit ihrem Gequatsche zum Teil lauter als der Stimmungskern im Zentrum der Süd. Ehrlich. Und kein Witz. Interessanterweise wurde mir das besonders ausgeprägte „Labertaschen-Phänomen“  von der Gegengerade Richtung Nord(-Baustelle) berichtet. Da war das Millerntor mal vereint. Nochmal: Egal, wie ihr supportet. Ob spielbezogen oder nicht – Quatschen gehört nicht dazu.

Ganz selten blitzte die volle Lautstärke von Süd, Gegen und Haupt mal auf. Viel zu selten angesichts eines mal wieder sehr bedeutenden Spiels. Ich werde das nicht mehr begreifen. Als ich aus Gründen das Stadion ausnahmsweise mal mit dem Abpfiff verlassen musste, fand ich mich in einem Strom von Menschen wieder. Ich hoffe, die hatten alle ein ebenso wichtiges Ziel. Nicht nur ihr Auto oder ihr Bier. Ganz merkwürdig. Aber das wird sich in Liga drei vielleicht etwas bessern.

Mensch Maier

So ratlos mich die Stimmung zurücklässt, so sehr tut es auch das Spiel. Immerhin reichte es zu einem Unentschieden gegen einen FSV, der im Grunde befreit aufspielen konnte und daher wenig zu verlieren hatte. Wie Rzatkowski völlig richtig feststellte, werden wir erst am Saisonende wissen, „was der Punkt wert ist.“ Mit einem Sieg am Freitag bei Union kann das Remis in der Endabrechnung noch ganz wichtig werden.

Das Spiel war – wie vorher anzunehmen – kein großer Leckerbissen. Die Anfangsphase gehörte mal wieder uns. Von dem Willen und den Emotionen vor heimischem Publikum getragen, warf die Lienen-Elf viel in die Partie. Die beste Chance hatte Sobiech nach einer Ecke, wo er völlig frei am Fünfer einnicken konnte. Halten wir ihm mal zu Gute, dass er von seinem Freiraum so überrascht wurde, dass er sich selbst ans Knie köpfte. Bis zur Halbzeit passierte vor den Toren dann nicht mehr viel.

Direkt nach der Pause schlugen die Braun-Weißen zu. Ein Schnittstellenpass von Maier (!) erreicht Kalla, der im Sechzehner mit viel Wucht und Balance durchkommt und nach innen auf Thy ablegt. Dessen Annahme, Ballabschirmen und Schuss aus der Drehung ins Tor hatten so wohl die Wenigsten geahnt. Leider währte die Freude nur zehn Minuten. Dann gelang Maier auf der anderen Seite ein Faux-Pas, als er den Ball schlichtweg in die falsche Richtung und damit in die Gefahrenzone köpfte. Dort nutzte Kauko nach der Vorlage von Engels das Durcheinander und traf zum 1:1. Die letzte und beste Chance zum 2:1 aus unserer Sicht hatte Gonther in den Schlussminuten, als er am langen Pfosten völlig frei zum Kopfball kam. Seine Worte nach dem Spiel treffen die Szene ziemlich genau. „Ich muss den Ball reinmachen! Ich will das Ding in die kurze Ecke köpfen. Ich wusste nicht, dass ich so viel Zeit habe und die Kugel noch in Ruhe hätte annehmen können.“ In der Nachspielzeit hatten wir dann noch Glück beziehungsweise Himmelmann. Der lenkte einen Kopfball von Kapllani mit den Fingerspitzen um das Tor.

Am Ende war es ein gerechtes Unentschieden, wobei für beide Teams mit ein wenig Glück mehr drin gewesen wäre. An den entscheidenden Szenen – vorne wie hinten – war Sebastian Maier beteiligt. Seine Emotionen nach dem Spiel zeigen, dass es dem ein oder anderen Spieler doch nicht so egal ist, was mit dem FCSP passiert. Ob der Wille letztlich wichtiger als der Glaube oder das Können sein wird? Ich bin jedenfalls froh, dass wir einen Coach haben, der aus nach wie vor leicht zu verunsichernden Spielern das Beste holen will. Dazu gehört auch, Sebastian Maier nach dem Spiel übertrieben zu stärken. Auf die Frage auf der PK, warum er den „armen Sebastian Maier nicht früher erlöst“ hätte, entgegnete Ewald: „Erlöst von was? Der hat ein super Spiel gemacht. Der hat alles gegeben. Der hat defensiv sehr gut gearbeitet. Er hat noch vorne gute Aktionen gehabt. Er war am Tor beteiligt.“ Damit hat er Recht und nicht Recht zugleich. Maier ist immerhin unser Zweitbester Scorer (Fußball = Ergebnissport. Ihr Experten, ne?), wenngleich unkonstante Leistungen bei unserem Team leider dafür reichen. Andererseits war das gestern kein gutes Spiel von ihm. Mich hätte nicht gewundert, wenn Lienen ihn bereits zur Pause ausgewechselt hätte. Nach dem Spiel draufhauen bringt allerdings gar nichts. „Falsche Berufswahl“, „Heult wie ein kleines Kind“ („Meyer“ [sic!]) und dergleichen sind leider fast normal. Wer in die Abgründe eintauchen will, dem „empfehle“ ich die beiden Fs. Für manche Helden an der Tastatur dort gilt: Einfach mal die Fresse halten.

Und sonst so

Optisch überlegen waren wir den Frankfurten lediglich beim Warmmachen. Die Jacken zum 25-jährigen Jubiläum waren nicht nur modisch erste Sahne. Schön, dass die klare Aussage beim Einlauf auf den Platz getragen wurde. Besonders gut stand das Textil auch Ewald Lienen.

Der hatte unter der Woche noch auf einem anderen Feld seine klare Meinung kundgetan. Nach der 3000-Euro-Strafe, die er wegen seiner Schiedsrichter-Schelte abdrücken musste, hatte unser Coach auf eine Berufung verzichtet. Der Abstiegskampf fordert volle Aufmerksamkeit. Sein letztes Wort zeigt aber deutlich, was Lienen von solchen Kasper-Strafen und der Findung der Wahrheit à la DFB hält. „Ich habe weder Zeit noch Lust, mich mit denen noch mal an einen Tisch zu setzen.“ Dank dafür, Ewald.

Die letzte Nachricht der Woche kommt von Florian Kringe, der zum Saisonende seine aktive Laufbahn beenden wird. Während ich gegen den FSV in der Schlussphase darüber nachdachte, wer jetzt mit einem Gewalt- oder Kunstschuss das 2:1 erzwingen könnte, fiel mir sofort sein Name ein. Ich hoffe, dass er im Saisonfinale nochmal auf den Rasen zurückkehren kann. Und uns mit einem Volley den Klassenerhalt sichert.

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5 Gedanken zu “Einfach mal die Fresse halten

  1. Maier…. Ja, ich habe während des Spieles leise in mich hinein geflucht… Käme aber nicht auf die Idee, das dann während des Spieles zu artikulieren, und schon gar nicht erst nach dem Spiel…. auch, weil ich eh ein ganz mieses Personengedächtnis habe und kaum Spieler bei uns namentlich benennen kann. Muss aber auch gar nicht sein, letztlich zählt eh nur das Kolektiv, und Spieler kommen und gehen…
    Das er der zweitbeste Vorbereiter bei uns ist, habe ich aber jetzt auch nicht geglaubt, aber gleich bei mir nachgesehen – und tatsächlich… sowohl bei den Torvorbereitungen insgesammt (4, zusammen mit Daube), aber auch bei den Torvorbereitungen je Einsatz (alle vier Spiele eine Torvorbereitung) steht er an zweiter Stelle bei uns. Und das in dem Alter…

    Nein, es ist ganz und gar nicht meine Art, einzelne Spieler zu kritisieren… bringt eh nichts. Bezüglich der übrigen Stimmung auf den Rängen – naja, haste gelesen – sehe ich das ebenso.

    • Habe deinen Text erst jetzt in Ruhe gelesen. Da haben wir von etwas versetzten Positionen ja ganz Ähnliches wahrgenommen. Ich fand es sehr mau. Auch und leider in der Süd. Erklären kann ich es (mir) überhaupt nicht. Außer, dass der Fußball einen nicht „animiert“. Aber dann sollten viele einfach mal zu Hause bleiben. Auswärts macht’s in der Regel einfach mehr Spaß. Absolut weniger, aber relativ mehr Leute, die Bock haben. Und zur Spielerkritik: Es bieten sich zahlreiche Anlässe zu fluchen und zu meckern. Das „wie“ offenbart leider oftmals ein erschreckendes Menschen- und Weltbild. Kommt die Tage noch ein Text dazu.

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