Willkommen in der Hölle

Foto: Stefan Groenveld

Der Tisch war gedeckt. Die Zutaten so klassisch wie würzig: Abend (leider Montag), Flutlicht, volles Haus, Abstiegsduell. Dazu eine fantastische Farb- und Lichtuntermalung vom Bunker. Doch in der Hölle: Das sind derzeit leider nicht die anderen. Willkommen ganz unten.

Feuer und Flamme? Ja, aber nur für unseren FC St. Pauli.

Abseits aller virtuell geführten Olympiadiskussionen wollten und mussten alle St.-Pauli-Anhänger zeigen, wofür sie wirklich brennen. Ich denke, viel kreativer und zugleich eindrucksvoller als mit der Pyroshow vom Bunker konnte man die Unterstützung aller Fans für ihr Team im Abstiegskampf nicht untermalen. Sah richtig stark aus.

Witzigerweise wurde neben mir direkt darüber spekuliert, dass in diesem Falle der DFB wohl kaum eine Strafe aussprechen könne, leuchteten die pyrotechnischen Erzeugnisse doch außerhalb des Stadions. Dass der DFB alles könne – auch wenn es nichts mit Logik zu tun habe – wurde postwendend eingewendet. Ganz klar beides richtig. Eigentlich sollten wir „ungeschoren“ davon kommen, aber: D.F.B. So sahen es auch andere.

Wann, wenn nicht jetzt

…sollen wir Punkte holen? Der brennende Bunker war aber leider bereits der positive Höhepunkt des Spiels. Der Rest ist schnell erzählt: Flutlicht, ziemlich volles Stadion, Abstiegsduell. Voller Einsatz, kein Ertrag. Es gibt seit Monaten da draußen kaum jemanden, der dem Team fehlendes Engagement attestieren würde. Wie auch? Das gilt auch für das Spiel gegen Fürth. Über 60% Ballbesitz, 15 zu 8 Torschüsse, 11 zu 8 Ecken: Die Zahlen stützen den Eindruck, dass die Lienen-Elf optisch überlegen war und mehr Spielkontrolle auszuüben versuchte. Da stellt sich die Frage: Wann sollen wir Punkte holen, wenn nicht jetzt? Wenn der Gegner ebenso angeknockt ist. Wenn wir alles reinhauen. Klar, es gab Lichtblicke: Sobota, Rzatkowski, Himmelmann. Klar, der Schiedsrichter. Aber seien wir ehrlich. Wir sind viel zu ungefährlich, kommen mit zu wenig Plan vor das Tor und vergeben dort meistens die wenigen dicken Chancen.

Wer, wenn nicht wir I

… steigt ab? Wir werfen also bereits sehr viel in unsere Spiele, sind vorne aber zu ungefährlich. Zudem sehe ich nicht so viele Möglichkeiten uns zu steigern oder personell etwas zu verändern. Was auch immer von der Bank oder aus der Reha kommt: Vermutlich wird kein Einzelspieler den entscheidenden Unterschied machen. All das weist erstmal Richtung Liga drei. Dann gewinnen auch noch viele Teams in unserer Tabellenregion, während wir einem möglichen Abstiegskonkurrenten drei Punkte überlassen. Ja, so spielt ein Absteiger. Oder zumindest jemand, der einer werden könnte.

Einschub Elfmeter: Ja! Nein? Vielleicht?!

Wenn der Schiedsrichter zum Mittelpunkt des eigenen Spielrückblicks wird, ist das selten produktiv. Deshalb möchte ich den Referee bewusst kurz abhandeln. (Und schaffe das dann doch nicht.) Der hat in einem nervösen und intensiven Spiel sehr viel Kleinkram abgepfiffen. Dass nicht zu erkennen und darauf zu reagieren ist nicht sein, sondern der Fehler der Braun-Weißen. Ja, dann schmeißen wir uns halt auch hin. Muss ja keine Schwalbe sein, sondern eine Verdeutlichung des Körperkontakts. Der Aufreger schlechthin war sicherlich der (dann doch) nicht gegebene Handelfer. Grundsätzlich richtig ist: Der Assistent an der Seite kann und soll seinen Hauptschiri nicht nur beraten, sondern hat ein ordentliches Gewicht bei der Entscheidungsfindung. Man stelle sich vor: Der Referee entscheidet auf Elfmeter und sieht ein Foul oder Abseits zuvor nicht. In diesem Falle sieht er aber ein Handspiel. Die Berührung des Balles mit dem Ellbogen ist unstrittig und dürfte auch vom Linienrichter nicht in Abrede gestellt worden sein. Wie wenig vertraut Schiri XY dann seiner Wahrnehmung und Beurteilungsfähigkeit? Denn eine richtige Fehlentscheidung hätte er meiner Ansicht nach gar nicht pfeifen können: Der Ball war nunmal an dem nach oben gereckt Ellbogen. Und die Szene selbst? Ich denke, ein Strafstoß wäre ok gewesen. Röcker macht zwar die mittlerweile klassische Arm-hinter-den-Rücken-Bewegung, die signalisieren soll: „Von mir kann gar kein Handspiel ausgehen“. Um sich dann mit hochgezogenem Ellbogen in die Hereingabe zu werfen. Mein unfundiertes Gefühl: Da hat ein Spieler den Umgang mit Handelfmetern in seine Abwehrbewegung integriert. Die (Nicht-)Abseitspositionen beim Gegentor und beim Konter in Halbzeit zwei finde ich persönlich vernachlässigbar: Knapp und daher kann so was immer schief gehen. In beide Richtungen.

Die Elfmeter-Situation ist – unabhängig davon, wie die Wertung darüber ausfällt – durchaus die entscheidende Situation des Spiels. Halten wir uns nochmals die Voraussetzungen der Partie vor Augen: Beide Teams haben alles andere als einen Lauf. Die einen stehen ganz unten, die anderen müssen fürchten genau da hin zu geraten. St. Pauli, dem vor dem Tor jegliche Ruhe und Abgeklärtheit fehlt, müht sich und erzwingt damit einen Strafstoß. Und der wird dann nicht gegeben. Da kann man später noch so schöne Chancen haben. Der andere, Fürth, springt seinem Schicksal nochmal gerade so von der Schippe und trifft dann, selbst hypernervös, zum 1:0. Ob der Strafstoß gegeben und verwandelt wird, daraus ergeben sich keine Zwangsläufigkeiten. Wer die folgenschwere Bedeutung dieser Situation aber nicht anerkennt, dem kann ich nicht folgen.

Passend dazu: Ewald on Fire

Wer, wenn nicht wir II

…zieht uns da unten aus dem Sumpf heraus?! Richtig: Niemand. Kein besserer Schiri, nicht Aue, und der Fußballgott ist sowieso hsver. Es bleibt also gar nichts anderes übrig, als auf uns und unsere Spieler zu bauen, mögen sie derzeit noch so defizitbeladen kicken. Beispielsweise unsere Stürmer (ja, werdet ihr unken: welche Stürmer?). Zusammen haben sie ganze acht Tore geschossen. Wir erinnern uns da eher an die, die sie nicht geschossen haben. Und dennoch: Ich gönne es ihnen (und nicht nur den beiden Angreifern). Sie arbeiten – der eine wie ein ausgehungerter Kampfhund, der anderer wie ein sich windendes Wiesel. Sie haben beide ihre ganz eigenen Qualitäten – nur das Toreschießen gehört bisher leider nicht dazu.

Glaube ich noch an den Klassenerhalt? Jein. Es spricht so gut wie nichts dafür – außer den ausstehenden Spielen mitsamt den zu vergebenden Punkten. Er ist also möglich, bei gleichbleibender Leistung aber nicht sehr wahrscheinlich.

Weitere Berichte in Bild und Wort:

Bericht des Übersteiger

Stefan Groenveld: Meine wirren Gedanken zum Spiel

Blutgrätsche Deluxe: Ratlosigkeit und andere Fragezeichen

Beebleblox: Pizza, Pfeifen, keine Punkte

Hamburg ist Braun-Weiß: Heimauftakt verpatzt

Kleiner Tod: Ausgebrannt? Tolles Feuerwerk, nur nicht auf dem Platz.

Metalust: Alles anders und doch so gleich

Bericht der Breitseite

South End Scum: Matchday 21

(Ein Fürther) Positiverlebnis: Eine Kultige Parallele. Oder: Ein Kasper am Rosenmontag.

Bilder von USP

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5 Gedanken zu “Willkommen in der Hölle

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