Zeit ist Geld

Diese Nachricht sorgte für Aufregung: „Rekordvertrag in der Premier League: TV-Rechte für 6,9 Milliarden Euro„. Klar, dass entsprechende Reaktionen auch aus dem deutschen Profifußball nicht ausbleiben würden. Die Blicke dürften tatsächlich mehrfach Richtung Insel gerichtet worden sein, allerdings unter ganz unterschiedlichen Vorzeichen. Während die einen – plump ausgedrückt – mit Eurozeichen in den Augen die Entwicklungen in der englischen Eliteliga verfolgen, sind die Mienen der anderen, die sich künftig Samstag um 10.30 Uhr im Stadion sehen, deutlich sorgenvoller.

Vorbild England?

Das Echo aus Teilen der Liga-Führung und der Klubs war erschreckend erwartbar. „Sind wir mit Blick auf den neuen TV-Vertrag bereit, notfalls auch unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen, um weiter die besten Spieler der Welt in der Bundesliga zu halten?“, äußerte sich DFL-Geschäftsführer Christian Seifert. Auch Schalkes sportlicher Leiter Horst Heldt sinnierte: „Es ist bemerkenswert, dass der Letzte in England mehr bekommt als der Erste in Deutschland. Man muss darüber nachdenken, wie man die große Lücke schließen kann.“ Die Welt brachte diese Haltung in eine Schlagzeile: „Die Bundesliga muss neidisch nach England schauen“ – und meinte damit erst in zweiter Linie den Fußball im Königreich.

Das Model Premiere League sozusagen zukunftsweisend und alternativlos zugleich? Einsam und wohltuend zugleich war da Werder Sportchef Thomas Eichin, der warnte: „Wir haben in der Bundesliga eine sehr gute Position, die Liga boomt. Da müssen wir schon aufpassen, dass wir nicht überzocken.“ Doch im globalen Kampf um den Standort Bundesliga sind solche warmen Worte wenig wert. Die drei großen Ligen in Europa machen es seit Jahren vor. Erstligaspieltage von Freitag bis Montag, deutlich weniger parallel laufende Spiele, und eine zweite Liga, die noch mehr als in Deutschland an Randsendezeiten gedrängt ist. Beispiel dieses Wochenende: 20 Spiele in Spanien und Italien: 16 Anstoßzeiten.

Und hier? Und wir?

Die deutschen Profiligen umweht fast schon eine mythische Aura: Volle, bunte und zumeist friedliche Stadien. Stehplätze. Bier. Bezahlbar. Beliebt. Das ist das Pfund, mit dem die Fans und ihre Interessenvertretungen in aller Regel wuchern (können). „Ohne uns wäre euer Verkaufsmodell Bundesliga nicht möglich“. Ziel: In die Argumentationslogik des Gegenübers einsteigen und ihn damit überzeugen. Und dann heißt: fordern, bitten, bangen. So liest sich auch der offene Brief von Pro Fans an DFL-Geschäftsführer Seifert wie ein Wunschzettel zu Weihnachten. Keine weitere Zerstückelung, kein Montagsspiel, keine Freitagsspiele usw. Seien wir ehrlich: Unsere Position ist schwach. Denn wenn die Ligabosse nach England schauen, dann sehen sie: Okay, die Stimmung in der Bundesliga mag besser sein, die Choreos sind oftmals klasse, aber: es geht auch ohne. Stadiongänger sind in ihrer gegenwärtigen Form vernachlässigbar. Wenn Gelegenheitsbesucher sich für teures Geld die Stars anschauen und der Rest Pay-TV-Gebühren (direkt oder indirekt in der Kneipe) abdrückt, weil er sich den Gang in die Kurve nicht mehr leisten kann und will, läuft das Geschäft.

Zugegeben: Das ist ein düster gezeichnetes Zukunftsbild. Doch kaum etwas veranlasst einen dazu, eine andere Entwicklung vorherzusehen. Die Montagsspiele gibt es trotz jahrelanger Proteste immer noch. Die zweite Liga spielt nicht nur am Wochenende fast vorm Frühstück, sondern eine kurz vor Weihnachten, mitten in der Woche, um 17:30 Uhr, in Ingolstadt. Die 300-km-„Regel“ für Auswärtsfans wird hier genauso wenig eingehalten wie montags. Und selbst wir St.-Paulianer tun uns schwer mit einem geeigneten Protest, mag er noch so aussichtslos sein. Ein paar Tapeten, klar. Für einen richtigen Boykott fehlt dann aber schon wieder die Geschlossenheit. Weniger Kosten, weniger Auflagen, trotzdem St. Pauli: Wir könnten alle zum Beispiel auch zur Zweiten gehen. Die zeigen besseren Fußball, als die meisten von jemals im Stande waren zu spielen (inklusive Konsolenspiel). Aber so ein bisschen wollen wir dann doch Profifußball mit Namen, Bedeutung und mattem Glanz, oder?

Die Diskussionen und Positionen sind so kalt wie der Kaffee, den ich nach dem Runterschreiben dieser Zeilen vor mir habe. Die Macht der Fans ist in meinen Augen beschränkter, als es viele von ihnen wahr haben wollen. Sämtlicher Kampf gegen fanfeindliche Auflagen Anstoßzeiten ist dennoch richtig und wichtig. Ob und wann der Zug abgefahren ist, muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden.

Wir gehen jetzt Montag erstmal alle gegen unseren Nachbarn (meint Tabellennachbarn) aus Fürth ins Stadion – ist schließlich Klassenkampf!

Header-Bild: Foto – Steindy [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

 

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