Langsam, aber sicher

Bestes Wetter, Ausflug in den Süden, duftender Rasen. Wäre da nicht dieser blöde Fußball mit all seinem Abstiegszeugs. Man nimmt, was man bekommt. Einen Punkt nach dem 0:0 in Sandhausen zum Beispiel.

Bock im Block?

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Was! Auch! Sonst! Foto: Carpe Diem Sandhausen

Angesichts über 3000 verkaufter Gästekarten war anzunehmen, dass wir im „Hexenkessel“ Hardtwaldtstadion ein akustisches Übergewicht erlangen würden. Das entpuppte sich allerdings als kompliziertes Unterfangen. Ein wenig Winterschlafrestmüdigkeit beim St. Pauli-Anhang, ein angrenzender Gästeblock, der das Aux Armes mal wieder zu einem Kanon machte – und die bauliche Situation in Sandhausen sowie der benachbarte Supportblock der Sandhäuser samt fest installierter Megaphone und 90 Minuten Sambagruppe: Da müssen wir dann einfach geschlossen laut sein. Hat leider nicht durchweg geklappt.

Die Stimmung außerhalb der 90 Minuten – rund ums Stadion, auf dem Weg und in der Kleinstadt (oder besser Großdorf) war rundum entspannt. Mancher wird das als langweilig empfinden – ein durchaus nachvollziehbares Gefühl. Remmidemmi ist dann nächstes Jahr ja vielleicht genug. Hoffentlich nicht!

Kein (Gegen)Tor? Stabil, aber.

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Beten gegen den Beton. Foto: Carpe Diem Sandhausen

Ewald Lienen ließ gleich zu Beginn zwei der drei Neuzugänge ran. Sobota und Koch standen ebenso in der Startelf wie Himmelmann, der das Torwartduell vorerst für sich entschieden hat. Damit rückt der Abschied Tschauners nach Saisonende näher. Wobei nicht nur einige unbekannte Variablen (Ligazugehörigkeit) ein vorzeitiges „Lebewohl“ verbieten.

Die gut 7000 Zuschauer sahen einen konzentrierten und offensiven Beginn der Gäste. Sobota (2.) und Budimir (9.) verschafften sich mit guten Aktionen den Raum zum Abschluss, bei dem beide dann aber den Ball nicht richtig trafen. Beste Chance des Spiels dann erneut durch Budimir, der beim perfekten Steilpass von Thy richtig lief, dann aber den Ball frei vor SVS-Keeper vorbeikullerte (13.)

Die Zweite Halbzeit war dann deutlich ausgeglichener. Bouhaddouz und Wooten hatten zwei ordentliche Chancen für Sandhausen. Die beste Möglichkeit auf der Seite der Braun-Weißen hatte Verhoek  nach einer Hereingabe von Daube. Allzu viel Torgefahr strahlten beide Teams über 90 Minuten aber nicht aus.

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Faktencheck: Das spricht für Sandhausen – und gegen St. Pauli

Die Gretchenfrage nach dem 0:0: Wie soll man den Punktgewinn oder den zweifachen Punktverlust in Sandhausen bewerten? Weil wir nach dem Spieltag wieder Letzter sind, lässt sich durchaus schlussfolgern: Das war zu wenig. Schwacher Gegner, wichtiges Spiel, leichter wird’s nicht usw. Aber: Der SVS, immerhin ebenso Abstiegsanwärter wie wir, konnte so wenigstens nicht davonziehen. Dass es nicht leicht werden würde, belegt ein Blick auf die Zahlen. Nur 40 Tore bei Spielen mit Beteiligung des SV Sandhausen. Beton pur also. Lediglich RBL hat mit 36 Toren einen niedrigeren Wert. Dass St. Pauli wiederum nicht als Champions-League-Team aus der Zauberkugel Winterpause kommen würde, war ebenso zu erwarten.

Ich habe ein insgesamt sehr stabiles Team gesehen, das mit Julian Koch an Ruhe und Ballkontrolle gewonnen hat und gewinnen wird. Ein Auseinanderbrechen auf dem Platz ist anhand der letzten Spiele keinesfalls zu erkennen. Es bleibt auch an Spieltag 1 im neuen Jahr dabei: Zu Euphorie gibt es genauso wenig Anlass wie zu Fatalismus. Wir sind wieder 18, haben aber den Abstand zum rettenden Ufer um drei Tore verringert.

Wie Kuba, nur deutsch

Wie oben bereits angedeutet war der Trip nach Sandhausen genau das richtige für Spießer, gestresstes Großstadtgemüter und Wellness-Fans. Ruhe und Entspannung erwarteten die Bürger der Weltstadt Hamburg. In der „Metropolregion“ Rhein-Neckar ticken nicht nur die Uhren langsamer. Stress war im doppelten Sinne kaum zu erwarten. Logische Frage: Warum hier Zweitligafußball gespielt werden soll? Weil sie es können. Und Duisburg zum Beispiel nicht. Wer also mal runterfahren möchte, muss einfach mal da runter fahren. Auch außerhalb von Spieltagen. Der Unterschied im Straßenbild dürfte ohnehin nur marginal sein.

Das ist geprägt, ja dominiert von lokalem Einzelhandel. Hier lebt er wie in vielen größeren Siedlungen schon seit Jahrzehnten nicht mehr. In meinem Kopf assoziiere ich so was dann immer mit vergangenen Zeiten. Sandhausen als Freilichtmuseum „Alte Bundesrepublik“ sozusagen. Bemerkenswert ist in der heißesten Region Deutschlands (meint nicht: angesagteste Region) nicht nur der für Hamburger Augen ungewohnte Sonnenschein. Nein! Palmen am Wegesrand und Oldtimer strahlen fast schon karibisches Flair aus. So lässt es sich leben im Ländle.

Bevor jemand glaubt, ich möchte ihm am Ende des Textes noch ein Eigenheim in der beschaulichen Kurpfalz andrehen, halte ich es mit der einst wütendsten Band überhaupt: „Aber hier leben? Nein, danke!“ Dennoch: Ich fahre ’notfalls‘ wieder nach Sandhausen – aber bitte nicht als Auswärtsspiel in der dritten Liga!

Sonstiges

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„Wir sind auf Zündung“ Foto: Carpe Diem Sandhausen

Für etwas Farbe in diesem weitgehend grauen Spiel sorgte die Pyroeinlage zum Wiederanpfiff. Der Schiedsrichter eröffnete das Spiel völlig unbeeindruckt von dieser sehr koordinierten und wenig aggressiven Lichtershow. Strafen im vierstelligen Bereich wird es dafür dennoch geben. Zu dem Thema sei der lange, aber lohnenswerte Artikel des Magischen FCs empfohlen. Derartige Sanktionen könnten auf wackligeren Füßen stehen als bisher angenommen.

Dass der DFB sehr flexibel und intransparent mit dem eigenen „Regelwerk“ umzugehen vermag, illustriert aktuell die Spielsperre gegen Jerôme Boateng.

Einen lesenswerten Artikel hat Lutz Wöckener rund um das neue Präsidium, Aufsichtsrat und den Umgang mit Entwicklungen im Profifußball verfasst.

Und! Beste Aktion des Tages: Die Province Fanatics laden Refugees zum Spiel nach Sandhausen ein. Und das nicht zum ersten Mal. Mehr dazu auf der Homepage und im Bericht der Province Fanatics (siehe unten).

Weitere Berichte in Bild und Text:

Bilder von USP

Carpe Diem Sandhausen: Bericht / Bilder

KleinerTod: Never mind the Liga Papers – #FCSP und die Nullnummer in Sandhausen sowie die Demo in Hamburg

Bericht der Breitseite

South End Scum: Matchday 20

Province Fanatics: Für immer mit dir

idiotensport-Bericht: Brust: Weltklasse

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2 Gedanken zu “Langsam, aber sicher

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