Es ist so unwirklich – aber so ist es wirklich

Eine wahrhaft verrückte Woche war das. Nach der Niederlage gegen Darmstadt stand am Mittwoch das Gastspiel bei Spitzenreiter Ingolstadt an. Doch bevor es dazu kam, sorgten ein Nichtwechsel sowie ein Mehrfachwechsel am Dienstag für ordentlich Turbulenzen. Naki kommt nicht, dafür Lienen. Meggle geht und kommt zugleich. Und Azzouzi geht wirklich.

Dienstagmorgen schmeckt der Kaffee beim Erkunden der sportlichen Neuigkeiten mal wieder besser als die fußballerische Lage. Als Facebook-Abstinenzler hat mich die Meldung des Vorabends nicht um meinen ruhigen Schlaf gebracht. Dafür gehen meine verquollenen Augen beim Aufwachprozess besonders weit auf. Deniz Naki, seines Zeichens designierter Heilsbringer, verkündet seine Nichtverpflichtung beim magischen FC – und das gewohnt emotionsvoll. Meine Empörung hält sich in Grenzen, obgleich ich nicht gegen eine Verpflichtung unserer ehemaligen Nr. 23 war. Die Verklärung vieler Mitfans kann ich aber auch nicht teilen. Hier schließe ich mich den Bloggerkollegen des Lichterkarussels an, die die ganze Causa zudem schön zusammengefasst haben.

Die Aufregung um Naki sollte sich jedoch in Balde legen. Erfreulich spärlich, dafür mit umso mehr Wums, sickerte eine Personalrochade in der sportlichen Leitung durch. Ich war freudig fassungslos, als ich erfuhr, dass Ewald Lienen unser neuer Trainer sein sollte.  Gleichzeitig wurde Thomas Meggle zwar als Trainer ersetzt, im selben Schritt aber zum Sportdirektor befördert(?). Ob all das die gewünschten Impulse sind, die sich letztlich vor allem auf den Tabellenstand positiv auswirken werden? Ich bin genauso gespannt wie damals bei der Berufung Meggles zum Trainer. Lienen hat selbstredend mehr Erfahrung vorzuweisen. Dass er mehr als ein Feuerwehrmann und Phrasendrescher für Abstiegskandidaten sein kann, das zeigt seine Vita. Empfohlen sei hier zudem ein Interview in der 11Freunde.

Mit dieser – neutral ausgedrückt – faustdicken Überraschung ging es am Mittwochmorgen um 5:30 Uhr mit dem einzigen, aber immerhin vollen Fanladenbus Richtung Ingolstadt. Anstoß am Mittwoch, 17:30 Uhr, eine Woche vor Weihnachten. Wahrlich eine christliche Anstoßzeit – danke DFL an dieser Stelle!

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Ein Hoffnungsschimmer auf der frühmorgendlichen Autobahn. Ein Omen? Ihr kennt die Antwort bereits.

Starteten wir bei klaren Himmel und blinzelte uns die Sonne aus dem Osten entgegen, wurde das Wetter Richtung Süden immer schlechter. Dem Schnee auf der Rhön folgte bestes Pisswetter in Zentralbayern. Gut, wenn man kurz vor Spielbeginn am Stadion ist und direkt in den Gästeblock kann. Nur waren wir leider geschlagene zweieinhalb Stunden vor Anpfiff an der Arena der Ödnis. Kein Schwein da. Bis auf einen Mannschaftswagen, der uns die letzten 50 Meter begleitete. Statt volle Breitseite im Regen zu stehen, machten wir uns auf den Weg um das Stadion. Und siehe da, ein vorweihnachtliches Wunder: ein fast urbayrisches Bierzelt. Weil wir für Ingolstädter Verhältnisse unverschämt früh da waren, hatten die freundlichen, aber leider kaum zu verstehenden Mitarbeiter noch nichts vorbereitet. Nach kurzem Warten durften wir dann aber Bier und Brezeln (Brezn) zu uns nehmen. Trocken, satt und gut erfrischt!

Die Reise hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits und noch gelohnt. Doch wartete da die traurige Geschichte namens Fußball. Ein konkretes Gefühl, was an diesem Tag drin sein würde, stellte sich vor dem Spiel nicht ein. Nur richtig viel Optimismus war dank der Konstellation Erster gegen Letzter auch nach dem Trainerwechsel nicht vorhanden. Unser neuer Coach nahm zwei Änderungen vor, die nicht verletzungsbedingt waren: Görlitz und Nehrig, die über den Großteil der Saison zu den Aussortierten gehörten, durften von Beginn an ran. So richtig aufgegangen war diese Variante nicht. Nehrig  produzierte zwei schlimme Pässe, wovon einer das 0:1 einleitete. Das fiel aber, natürlich, unglücklich, weil Sobiech den Ball mit seiner Wade abfälschte. Sonst hätte Himmelmann den wohl gehabt. Görlitz wiederum traute sich selten zu, mit Zug nach vorne und auch mal ins Dribbling zu gehen. Lieber überließ er Schachten den Ball und damit die Aktionen mit Tempo.

Insgesamt zeigte sich unser Team aber weitraus besser, als es viele vorher vermutet hatten. Chancen hatte der Tabellenführer aus der Donaustadt nicht viele. Damit konnte die defensive Grundstabilität aus dem Darmstadt-Spiel beibehalten werden. Gleichzeitig agierten wir aber auch offensiv wieder deutlich ansehnlicher. Vor allem in der Phase vor dem 1:1 wollten die Spieler so sehr, dass sie das Tor förmlich erzwangen. Auch im Block der Braun-Weißen, der trotz des Termins gut 1000 Leute beherbergt haben dürfte, war die Zuversicht auf einen Treffer sprübar.

Damit ihr gar nicht erst auf den Gedanken kommt, dass ihr mal wieder nichts verpasst habt: Das Tor zum 1:1 hat einen der intensivsten Jubel bei Team und Gästefans seit langem ausgelöst. Richtig geil! Leider war Schachten nicht nur aufgrund seines Treffers in diesem Minuten im Mittelpunkt des Geschehens. Nur wenige Sekunden nach dem Ausgleich köpfte die Nummer 20 den Ball unzureichend weit, anstatt ihn mit seinen Gräten in Richtung gegnerische Grundlinie zu befördern. So gab er Ingolstadt die Gelegenheit zu zeigen, wie ein Spitzenreiter spielt und warum er genau dort oben steht. Tja, wieder nichts bei rumgekommen.

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Keine 30 Minuten vor Anpfiff. Die Fans des Tabellenführer sind wo? Um fair zu sein: Die Anstoßzeit…

 

Die finale Szene des Spiels, wiederum ist Schachten involviert, bringt mich zur Schiedsrichterin der Partie – und wieder zu Deniz Naki. Schachten sah, wahrscheinlich sogar zu Recht, in 93. Minute seine fünfte Gelb und fehlt gegen Aalen. Der gute Schachter war nach Abpfiff am Zaun immer noch völlig aufgewühlt ob dieser Entscheidung, vor allem aufgrund des späten Zeitpunkts. Weitaus merkwürdigiger fand ich allerdings die Gelben Karten in der ersten Halbzeit, die Bibiana Steinhaus aus meiner Sicht für Nichtigkeiten gab.

Jene Bibiana Steinhaus, bei der manche nach dem Boll-Abschiedsspiel wegen möglicher Befangenheit fragten, wie man sie noch für uns ansetzen könnte. Wenn, dann eher im Gegenteil, wenn man sich die ersten beiden Gelben Karten für uns anschaut. Das waren eher harmlose Fouls in einem weitgehend fairen Spiel. Den Vorwurf der Braun-Weißen Affinität kann sie mit solchen Entscheidungen locker von sich weisen. Schade für uns und ein weiterer wilder Spekulationspunkt, den ich für die Auswirkungen des Boll-Kicks in die werte Internetgemeinde werfen möchte. Da holte man sich die Ehemaligen und eine zumindest teilweise beliebte Schiedsrichterin ins Haus – und sich am Ende damit nicht nur einen Gefallen getan hat.

Am morgigen Samstag geht es dann schon gegen Aalen. Auch wenn ich ungern die Plakette „Spiel des Jahres“ heraushole, ist sie hier wohl angebracht. 18. gegen 15. Im Falle einer Niederlage würde der Abstand auf Aalen und damit einen Nichabstiegsplatz bereits auf sieben Punkte ansteigen. Verlieren wir, dürfte die Anfrage bei einer Suchmaschine nach „Sonnenhof Großaspach“ im Hamburger Raum wohl etwas häufiger erfolgen. Ich will das gar nicht wissen!

Weitere Berichte in Bild und Wort:

Bilder von USP

Bericht der Breitseite

Kleiner Tod: Lienen los. Vom überraschenden Neustart mit altbekanntem Ergebnis

Province Fanatics: Hört ihr die Signale

South End Scum: Matchday 18

Rennen, Grätschen, Grasfressen: Ingolstadt…

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2 Gedanken zu “Es ist so unwirklich – aber so ist es wirklich

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