Leiden schafft Leidenschaft

oder: es war schon mal schlimmer.

Elf Stunden vor dem Bochum-Spiel. Vor dem nächsten Versuch. Will da noch jemand was von der bereits fünf Tage zurückliegenden Pleite gegen Lautern lesen? Noch mehr schlechte Laune, Unlust auf eine Spielanalyse oder Suche nach Schuldigen? Wird hier nur der vielzitierten Chronistenpflicht genüge getan? Ich hoffe: nicht.

Das – in diesem Falle – Schöne ist, dass sich mit jedem verstrichenen Tag immer neue Folien über die Erinnerung an das 1:3 am Sonntag legen. Meine erste Empfindung nach dem Spiel: Nicht sauer, aber traurig. Die Mehrheit der Zuschauer wird sich wohl darüber einig sein, dass die Niederlage eine andere Qualität hatte als die gegen Leipzig oder Heidenheim. Ich jedenfalls kann den Jungs in Braun-Weiß mehr Appetit als die Wochen zuvor attestieren. Das gilt insbesondere für das Anfangsviertel des Spiels und fast die gesamte zweite Halbzeit. Um im Bild zu bleiben: Das Rezept schmeckt nach wie vor nicht. Wer da was wo verwürzt, weiß ich weiterhin nicht. Ob es Sinn macht, sich auf Einzelne zu stürzen (wahlweise: Torwart, Trainer, Sportdirektor), bezweifle ich stark. Auch wenn viele Vorwürfe stimmen mögen.

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Wortspiel mit Baustelle (vorne und hinten) und so…

Doch nochmal zum Positiven: Der Einsatz aller Spieler hat gegen die Pfälzer gestimmt. Ihre Spielweise war dann auch bei weitem nicht so forsch, wie es deren Tabellenstand vermuten ließ. Meine Einschätzung ist, dass die auch beeindruckt waren. Damit meine ich behaupten zu können, dass die oft geforderte Leidenschaft vorhanden war/ist. Viele halten sie (wahlweise Einsatz, Kampf etc.) für eine Grundvoraussetzung, die nicht erwähnenswert sein sollte. Ich sehe das anders. Nicht nur, aber besonders in unserer Situation, müssen einsatzfreudige Einstellung und Körpersprache stets aufs neue aktiviert werden – zum Beispiel durch den Trainer, einzelne Spieler oder Fans. Es ist eben nicht selbstverständlich, immer und jederzeit mit vollem Einsatz zu agieren. Dazu tragen die Verfassung jedes Einzelnen und die der Gruppe bei, der Gegner, besondere (Tabellen)Konstellationen und vieles mehr. Laufen werden die Jungs bei jedem Spiel. Die Frage ist, ob sie es das bisschen mehr und intensiver tun. Und genau das halte ich nicht für selbstverständlich. Oder ist da draußen jemand von euch, der immer die heraufbeschworenen 110% abliefern kann?

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Keine Sorge. Den kommenden Viertligisten sehen wir so schnell nicht wieder.

Worüber wohl weniger debattiert werden muss, ist, dass die Ergebnisse der letzten Wochen und das hieraus entsprungene Resultat – Platz 18 – weder Spaß noch Hoffnung machen. Hier stellt sich die berühmte Gretchenfrage bei Niederlagen: Ist es besser, wenn das Team wohl eben nicht alles gegeben hat – was gegen die Einstellung spricht, aber vom (Achtung) Potential her Hoffnung macht; oder ist es besser, wenn das Team in mehrfacher Sicht ans Limit gegangen ist, und es dennoch nicht gereicht hat? Fast schon eine Geschmacksfrage, bei der ich mich im Zweifel für Letzteres entscheide. Menschen, die sich wehren und wegen ihrer Unzulänglichkeiten scheitern, sind mir näher. Genau das ist beim Spiel gegen den FCK passiert. Gnadenlos humoristische Fehler (besonders das 0:2) und ein erfolgloses Aufbäumen. Insofern konnte ich weder den „Bring back St. Pauli“-Gesang noch das Plakat, dass alle Ergebnisse der letzten Wochen auflistete, emotional mitgehen. Mein Eindruck war, dass das einigen so ging. Nur um mal dem Bild einer uniformen Südkurve zu widersprechen, das gerne gezeichnet wird. Ich fand beide Aktionen übrigens auch überhaupt nicht schlimm. Ist halt eine Situation, die jede_r bis zu einem gewissen Punkt selbst einordnen muss.

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Tapete nach Spielende auf der Süd. Bilddank geht an TS_Palm

Im zweiten Absatzhatte ich den Vorteil einer zeitlichen Distanz zwischen Niederlage und Berichtschreiben gepriesen. Eines der Ereignisse – neben dem Kauf von bunten Fußballschuhen -, dass meine Aufmerksamkeit von der sportlichen Misere dieser Tage ablenkte, war der Besuch der Lesung von Esther Bejerano in den Fanräumen. Diese Veranstaltung soll erst der Auftakt einer Reihe mit dem Titel „Kein Vergeben, Kein Vergessen“ sein. Auch wenn ich nicht so viel Neues erfahren konnte, ist der Zugang zu den Verbrechen des Nationalsozialismus mithilfe einer Frau, die all das erlebt hat, ein anderer. Er ist beeindruckend und unwirklich zugleich. Da sitzt diese starke Frau und erzählt aus einem Leben, dessen Rahmen nur allzu bekannt ist – und in Teilen dennoch wie eine alptraumhafte Version eines Märchens anmutet. Ein lohnenswerter Abend, an dem ein Dank an die Organisatoren gehen soll! Kurzer und schöner Bericht von Stephan Groenveld.

Jetzt sind es nur noch zehn Stunden bis zum Anpfiff an der Castroper Straße. Und wieder gehe ich mit einer (un)gesunden Portion Hoffnung in das Spiel. Was soll ich mir die Laune auch schon vorher versauen. Das wird schon während der 90 Minuten von alleine klappen. Ich hoffe: nicht!

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