Das hat mit Fußball nichts zu tun

Klasse: Eine Überschrift, die gleich dreifach passt. Das Gastspiel beim etwas anderen Verein aus Leipzig. Der enttäuschende Auswärtstauftritt des FCSP. Und der DFB, der sich ganz traditionell seiner Wurzeln erinnert. Ein Wochenende lang kein Fußball.

Tradition verpflichtet #1

Für den Aufreger am Samstag sorgte unser aller Lieblingsverband. Der twitterte fröhlich und schmerzfrei zum 72. Jahrestag des 100. Sieges in der DFB-Geschichte. Flotte Kopfrechner stutzen da bereits. 2014-72=1942? Ein Länderspiel mit deutscher Beteiligung? Bei wem es da nicht klick machte, dem lieferte der DFB noch ein Bild als Gedächtnisstütze. Blütenweiße Trikots der Nationalspieler, verziert mit Hakenkreuzen. Kein Grund, nicht zu feiern, wenn Deutschland sonst an allen Fronten Niederlagen kassiert, oder wie? Nun ja, den ganzen Faux Pas bemerkte man irgendwann auch in der Schaltzentrale des bundesdeutschen Fußballs und: löschte den Tweet erst mal ohne Kommentar. Und bittet daraufhin alle um Entschuldigung? Nein, sondern entschuldigt sich selbst ohne einen Hauch an Erklärung. Gewohnt schwach.

Die ganze Geschichte gibt es dank der Dokumentation des KleinenTods auch hier.

Tradition verpflichtet #2

Anderes Thema, ähnlich heißer Diskussionsstoff. Die Fahrt nach Leipzig war nun nicht nur sportlich mehr als heikel. Dass der maßgeblich vom Brausekonzern abhängige Club irgendwie problematisch für weniger wohlbetuchte Teams wie unseren FC St. Pauli ist, mag noch weite Zustimmung finden. 36 solcher Marketingclubs, und St. Pauli wird so schnell nicht wieder in Liga 1 und 2 auftauchen. Dass die Braun-Weißen diesen Schritt derzeit selbst erledigen, dazu später mehr.

Deutlich umstrittener ist da die Frage, wie man RBL begegnet. Was und wer ist Ziel eines möglichen Protests. Welche Formen sind sinnvoll? Missachtung, Boykott, Pöbeln?

Ein Boykott war schnell vom Tisch. Sicher auch ein Abwehrreflex. Mit den bisher boykottierenden Fanszenen will man sich sicher nicht gemein machen. Hätte zudem nicht viel gebracht und wir hätten uns um den Spaß einer Auswärtsfahrt gebracht (in der Theorie). Vielmehr kündigte sich ein Mob von etwa 5000 Fans in Braun-Weiß an. Da rauscht es schon ganz schön in „Fußball-Deutschland“. Was machen die verrückten Kiezkicker denn diesmal Kreatives?

Nun ja, nicht viel. Eine Mottofahrt ist vor dem Spiel die einzige Besonderheit dieser Tour. Alle im ältesten Trikot um zu zeigen, „was wir schon erlebt haben und wie viele Erlebnisse uns mit unserem Verein verbinden. Wir müssen dazu nicht mit dem Wort Tradition um uns schmeissen, ein Blick in den Kleiderschrank genügt, um zu erfahren, was wir mit diesem Verein schon alles durchlebt haben“, ließ USP verlauten. Hm. Gegenstimmen dieses „Also doch irgendwas mit Tradition nur ohne es so zu nennen“ ließen nicht lange auf sich warten.20141123_112654

Ich denke, RB ob seiner kurzen Geschichte zu kritisieren, läuft ins Leere. RBL ist nun mal nicht scheiße, weil es jung ist. Und wer seit einem Jahr zu St. Pauli geht und in Leipzig dabei ist, macht dann was? Abgesehen davon mutet es merkwürdig an, einem Verein, dessen Besonderheiten sich auch erst vor gut 25 Jahren entwickelten (ältere Mitglieder und Fans sollen damit aber nicht herabgestuft werden), zu einem Traditionsverein umzudichten, natürlich ohne ihn so zu nennen. Das geht besser.

Dass RBL auf Gedeih und Verderb am Brausehersteller hängt, ist sicher keine Frage. Selbstbestimmte Fans, die – bei allem Entgegenkommen der Clubführung – am Ende des Tages nicht dem guten Willen des Unternehmens ausgeliefert sind, wird man dort wohl nie erleben. Die müssen dann eben eine sehr einseitige Getränkekarte ebenso ertragen wie einen Stadionanimateur der absurderen Sorte. Aber das müssen die Leute mit sich selbst ausmachen. Wir alle sind als Fans eines Profifußballteams verheddert in Widersprüchen zwischen Idealismus und „Spielregeln“, die wir ignorieren oder anerkennen können. Auf andere zu zeigen ist nicht grundlegend falsch, darf aber nicht das Ende der Auseinandersetzung sein.

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Andere Protestideen sind mir im Vorfeld des Spiels aber auch nicht zu Ohren gekommen. Auch während der 90 Minuten habe ich außer den USP-Bannern (siehe unten) nichts wahrgenommen. Ich denke, dass zeigt vor allem, wie schwierig angemessene Kritik an RBL ist. Auch der Aufruf zur Mottofahrt kam mir wie ein etwas halbherziger und wenig kreativer Ausbund an Protest vor. So zumindest die bei mir empfangene Außenwirkung. Der Eindruck bestätige sich vor Ort, wo nur ein verschwindend geringer Teil dem Aufruf folgte und in Stanislawski- oder Bruns-Trikot auflief. Vielleicht ist es dann auch mal „ok“, zu verzichten, bevor es zu wenig überzeugenden Aktionen kommt?

Wenn Fans des FC St. Pauli das achso Kreative nicht bestätigen müssen, gilt das für ein Übermaß an Peacigkeit ebenso. Die Banner und wenigen Anti-RB-Gesänge waren absolut im Rahmen, wenn auch nicht die feine norddeutsche Art. Schon allein, weil es ein „Verbot von Fanutensilien, Spruchbänder o.ä. [gibt], die sich gegen den gastgebenden Verein, Verbände wie DFB und DFL oder die Polizei richten.“ Wer meint Schriftstücke und Kleidung untersagen zu müssen, die „jegliche Form von politischer Tendenz aufweisen“, bekommt dann doch die Kreativität der Gästefans zu spüren. Ausführung: elegant. Inhalt: nicht unbedingt. ;) Gleiches gilt für den Gesang der Schlussminuten, der sich an Banner Nr. 3 orientierte (siehe Bild unten). Dass die RB-Fans das teilweise ironisch aufnahmen, ist auch uns nicht entgangen. Nebenbei: Von Spruchbändern, die sich gegen den gastgebenden Verein UND die Polizei richten, war nie die Rede. Hauptsächlich beschäftigte sich der Gästeblock aber mit der Leistung der Braun-Weißen. Der Gesamtlage angemessen fand ich das durchaus mit Inbrunst intonierte „Bring back St. Pauli“. Ich hoffe, dass wir so laut waren, dass das auch die Elf auf dem Rasen gehört haben.

Nachtrag hier: Zur Teilerklärung des Banners und des Gesangs einfach mal das lesen.

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Zum Schluss fasse ich meine ganz bescheidene Meinung zusammen: Ich glaube, dass der Streit um den richtigen Umgang mit RBL etwas müßig ist. Die juckt ein Boykott so wenig wie Banner, auch wenn sie mit letzteren weniger souverän umgehen (zumindest der Club, weniger die Fans). Ignoranz ist ebenso wenig hilfreich wie sanfte Formen der Annäherung. RBL wird seinen Weg gehen. Und wir werden so oder so nichts daran ändern.

Letztlich sehe ich nur zwei Möglichkeiten etwas entgegenzusetzen. Das eine wäre das hochtrabende, fast unrealistische Ziel, dass die DFL Leipzig ein so klares und enges Korsett umlegt, dass sich das Engagement des Brauseherstellers nicht mehr lohnt. Wie wenig streng der Ligaverband das umzusetzen gedenkt, durften wir beim Aufstieg von RBL im Sommer erleben. Das andere ist die Konzentration auf die eigenen Stärken und Möglichkeiten. Einen anderen Weg zu gehen und dabei einer Konkurrenz um immer absurdere Werbestrategien auszuweichen, halte ich nicht nur für vielversprechend. Es entspricht auch viel mehr dem Selbstverständnis vieler St.-Pauli-Fans. Das ist ja auch die vage Essenz der Ziele unseres neuen Präsidiums, dem man in diesen Tagen nur allzu viel Glück wünschen kann.

Auf dem Rasen nichts Neues

Ach ja, gekickt wurde auch noch. Hier herrscht allerdings so viel Stillstand, dass der Textabschnitt kürzer ausfällt. Wieder satte vier Gegentore, diesmal aus der Abteilung „zum Lachen zu traurig“. Einzelspieler herauszusuchen ist völliger Humbug. Bis auf ca. 15 Minuten nach der Pause und dem 1:2-Anschlusstor durch Alushi zeigte das Team nicht einmal ansatzweise die nötige Körpersprache, um aus Leipzig irgendwas außer Frust mitzunehmen. Wenn das der moderne Fußball ist, dann bin ich da auch gegen!

Klar, RB war in allen Belangen besser. Klar, wir strotzen nur so vor fehlendem Selbstbewusstsein. Dass die Spieler aber nicht einmal nach dem rotwürdigen Foul von Frahn an Rzatkowski so viel Körpersprache an den Tag legen und diesem deutschland-Binden-Heini ordentlich zu Leibe rücken, stimmt mehr als bedenklich. Bei Twitter tauchte just dieses Video auf. Liebes Team: So macht man das.

Ob die Einstellung des Teams oder der langfristige Ausfall des zuletzt einzigen Lichtblicks schwerer wiegt, dürfte ihr euch selbst aussuchen.

Es liegt zwar noch mehr als die Rückrunde vor uns, doch die Bilanz ist beängstigend. So, und nicht anders, spielen Absteiger. Die Ratlosigkeit der vergangenen Wochen wird jedoch mit jedem Spiel größer. Mal schauen, welche Steinchen Meggle bis zum Lautern-Spiel umdreht. Viel Glück bei der Schatzsuche.

Weitere Berichte in Bild und Wort:

turus.net: RasenBallsport Leipzig vs. FC St. Pauli: 5.000 Gästefans wurden nicht belohnt

KleinerTod: Tiefschlag auf Tiefschlag. #FCSP verliert in Leipzig deutlich und dazu auch noch Ratsche.

Bilder von USP

metalust: Liebe Mannschaft des FC St. Pauli

Kiezkicker.de: Teamgeist und Leidenschaft sind…

Bericht der Province Fanatics

St. Pauli.nu: Fast

Bericht der Pegnitz Piraten

Magischer Fanclub: Im Osten nichts Neues

 

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2 Gedanken zu “Das hat mit Fußball nichts zu tun

  1. Meggle muss raus! Der Kerl kann kein Fussball, der Kerl kann kein Chef sein. Ein Chef hat eine männliche tiefe Stimme mit Aussagekraft! Er hört sich, Entschuldigung, wie ein Mädchen an! Vor dem hätte ich keinen Respekt auch wenn ich 18 wäre! Wie kann man eine verfickte Woche lang (Vorm Spiel gegen RBL) nur Kick and Rush trainieren???? Vollidiot! Er weiß nicht was er will der gute Mann, schickt ihn bitte bitte bitte noch vomr Lautern Spiel nach Hause! Wir müssen nicht noch ein Spiel verlieren damit er geht!!!

    • Unser Trainer darf so hoch trällern wie ein Spatz. Er darf sogar eine Frau sein. Wichtig sind Leidenschaft und Erfolg. Welchen Anteil Meggle daran hat, dass beides im Moment fehlt, ist schwer zu sagen. Bislang konnte er die anfangs gehegten Hoffnungen allerdings nicht erfüllen. In der Fehleranalyse trifft er meiner Meinung nach meistens ins Schwarze. Nur die Fehler abstellen, das gelingt leider nicht.

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