Das ist Oke so oder ein Orth der Enttäuschungen

Große Überraschungen blieben aus. Mit Oke Göttlich und seine vier Vizes hat der FC St. Pauli von 1910 e.V. das erwartete neue Präsidium. Interessantes und Informatives konnte man auf der Jahreshauptversammlung 2014 eher zwischen den Beiträgen aufschnappen.

So wurden Diskrepanzen zwischen Aufsichtsrat und ehemaligem Präsidium trotz aller Wogenglätterei immer wieder sichtbar. Sowohl Marcus Schulz (AR) und Stefan Orth wollten ob der Nicht-Berufung des Orth-Teams kein böses Blut vergießen. Letzterer konnte und wollte wohl sein Unverständnis nicht verbergen. So kommentierte er Schulz‘ Darlegungen über den Findungsprozess des neuen Präsidenten mit einem „Ich wurde ja nicht gefragt“-Zwischenruf. So bleibt das Gefühl, dass er – trotz über weite Strecken guter Mine – mit einem gewissen Groll gegangen ist.

Auch deshalb gab es durchaus kritische Nachfragen, die die Beweggründe des Aufsichtsrats für einen Wechsel im Präsidium immer noch nicht nachvollziehen konnten. Immerhin, und das betonte nicht nur das Kontrollgremium, hätte das Präsidium recht gute Arbeit geleistet und seinen Einsatz stets dem Verein gewidmet. Vielleicht brachte es ein Redebeitrag auf den Punkt, der die Entscheidung des Aufsichtsrats weniger als „gegen“ denn als „für“ bewertete. Wenn man Göttlich eben für die bessere von zwei guten Alternativen hält, so müsse man im Sinne des Vereinswohls ihn als neuen Präsidenten zur Wahl vorschlagen.

Der hielt sich in seine Rede direkt vor der Wahl der Wahl mit kernigen Sprüchen weitgehend zurück. Das mag in Rücksicht auf das scheidende Präsidium sowie die noch anstehende Bestandsaufnahme der Lage im Verein durchaus gutzuheißen sein, auch wenn sich einige wohl konkretere Pläne für die Zukunft gewünscht hätten. Seine klare Absage an alles Fußball AGs jenseits der Stadt fand jedoch großen Beifall.

Oke Göttlich wurde ungeachtet dessen mit fast 79% der Stimmen zum neuen Präsidenten des Vereins gewählt. Ob das jetzt angesichts der Verdienste das Präsidiums Orth viel oder wenig Zustimmung ist, möge jede und jeder selbst entscheiden. Es ist jedenfalls genug, damit Göttlich und Team mit ausreichender Rückendeckung in eine hoffentlich erfolgreiche Amtszeit gehen können. Für eben jenes Team wurde alle vier Vizekandidaten per Akklamation (Stimmkärtchen heben) gewählt. Mein Eindruck hier war, dass Jochen Winand und Joachim Pawlik am wenigsten überzeugen konnten und daher die ein oder andere Enthaltung und auch Nein-Stimme mehr gezeigt bekamen. Gewählt wurden aber am Ende erwartungsgemäß alle Vier.

Welche Erkenntnisse hielten die anderen Berichte bereit? Die Amateure können wohl kein Auto fahren. Der angeschaffte Transporter soll, so Vorstand Bodo Bodeit, künftig bitte etwas pfleglicher behandelt werden. Und: Finanziell seien wir wohl gut aufgestellt, so Kassenprüfer Kai Scharff. Allerdings hätte der FC St. Pauli das Ende der finanziellen Fahnenstange vorerst erreicht. Steigende Einnahmen durch Ticketverkäufe und Merchandising stünden sinkenden Einnahmen auf einem immer härter umkämpften Sponsoringbereich gegenüber. Teure Projekte sind daher auf absehbare kaum machbar, weil zudem der Stadionumbau langfristig Geld verschlingen wird. Bis 2019 müsse der Verein jährlich immerhin 3,4 Millionen € für Zins und Tilgung zusammenbringen.

Insgesamt enthielten die Reden erwartenswert viele Allgemeinplätze. Viel Lob verteilen hier, Werte betonen da. Das galt letztlich für die Berichte von Präsidium, AFM-Vorstand und Co. ebenso wie für die Reden der Bewerber auf die Posten der Vize-Präsidenten und Aufsichtsratsmitglieder. Auch wenn sich alle Beiträge im Rahmen hielten, wäre die JHV bei einer Eindampfung auf interessante und meinungsstarke Aussagen wohl um 13 Uhr zu Ende gewesen. Soll aber letztlich kein Vorwurf sein. Warum sollte Kandidat XY auf den Hinweis verzichten, wie wichtig engagierte Fans oder Antifaschismus sind, nur weil es bereits V und W getan haben? Ein Stück weit sind solche Redundanzen eben auch der Form einer JHV geschuldet.

Einen echten Leckerbissen lieferte da ein Redebeitrag eines Herrn, der ebenso kontext- wie substanzlos war. Marke: JHV-Wortmeldungen aus der Trollkiste. Früher („Früher, da hatten wir auch ’nen Kaiser“, ne?) hätten die Fans noch gemeinsam die Spieler angefeuert, heute würde der Dauersingsang die Leistung des Teams verschlechtern. Großer Applaus war dem rüstigen Meinungsmacher sicher. Das Getuschel im „USP-Block“ werte ich mal dahingehend, dass die Supportform ab dem Leipzig-Spiel über den Haufen geworfen wird. Aber mal ehrlich, liebe Freunde von USP: Den habt ihr doch zur Auflockerung bestellt?!

Wäre eine vorzügliche Bewerbungsrede für den Aufsichtsrat gewesen (nächstes Mal vielleicht?). Die blieb allerdings Uwe Doll vorbehalten. Der brachte etwas nebulös zum Ausdruck, dass all diejenigen, die ihre eigene Profilierungssucht über den Verein stellen würden, nicht mit seiner Unterstützung zu rechnen hätten. Dafür habe es in der Vergangenheit genügend Vorfälle gegeben, die dem Verein geschadet und ihn viel Geld gekostet hätten. Uff. Wie jetzt? Kritiklose Übernahme von DFB-Strafen für das Werfen von Kassenrollen, am besten auch noch finanzielle Weitergabe an die „Störer“? Auch drei ziemlich harsche Wortmeldungen später nannte Doll keine Beispiele oder erklärte das Gesagte mal etwas genauer. Seine sehr ungeschickte Performance trug später sicherlich auch dazu bei, dass er nicht in den Aufsichtsrat gewählt wurde.

Insgesamt fand ich die meisten Vorstellungen der Kandidaten sehr ordentlich. Klar, in drei Minuten können diejenigen wenig erzählen. Auch klar: Viele Mitglieder hatten sich bereits vorher ein Bild gemacht und/oder die Empfehlungen in diversen Print- und Online-Beiträgen gelesen.

Auffällig war da sicher noch Dieter Jurgeit, der mit seinem sozialen Engagement gerne zu glänzen gewusst hätte. Dass er damit derart offensiv und in der Klatschpresse hausieren ging, kam dann aber entsprechend plump rüber. Hier noch mal 70 Projekte angeschoben, dort im Aufsichtsrat aktiv. Kinder, klar. Und immer gut gelaunt und kompetent. Vorzüge herauszustellen ist ja okay, kam in der Form aber doch nicht so gut an. Kann er ja nochmal beim 1. FC Köln versuchen.

Viele Favoriten setzten sich am Ende durch, so dass unser neuer Aufsichtsrat als „fannah“ bezeichnet werden kann. Den Einwand, dass Präsidium und Aufsichtrat zu personell homogen seien und widersprechende Meinungen dadurch kaum vorgetragen werden, kann man dabei nicht völlig von der Hand weisen. Ich hoffe und glaube aber, dass die sehr wachen und durchsetzungsstarken Personen, die unseren Club nun vertreten, nicht auf einer Wolke der Harmonie davonfliegen. Schwierige Entscheidungen sportlicher, finanzieller und infrastukureller Art gibt es ja genug.

Wahl zum Präsidenten

831 Ja
139 Nein
88 Enthaltungen

Wahl zum Aufsichtsrat (Gültige Stimmen 927 )

Sandra Schwedler: 558
Roger Hasenbein: 507
Gerrit Onken: 475
Kai Scharff: 340
Sönke Goldbeck: 287
Marcus Schulz: 265
Karsten Meincke: 223

Dagmar Hansen: 214
Dieter Jurgeit: 171
Holger Scharf: 138
Martin Paulekun: 116
Frank Tamaschke: 107
Uwe Doll: 106
Martin Zimmermann: 42
Christian Ott: 41
Roland Kreisl: 10

KleinerTod: Jetzt bloß kein Wortspiel

BeebleBlox: Ab jetzt mit göttlichem Beistand

Metalust: Wir sind keine kickende Werbeunterbrechung

ndr.de: Oke Göttlicher neuer St.-Pauli-Präsident

St. Pauli Nu: Lotsenwechsel an Bord der MV

South End Scum: FCSP Annual Meeting

St. Pauli Province Fanatics: …and that’s the way we like it!

KonBon: Platz 17 – und wer ist schuld?

PS: Sorry für die Überschrift, ehrlich. Gute Vorschläge bitte in die Kommentarspalte. Preis für den besten: Ein Bier (kein Astra).

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6 Gedanken zu “Das ist Oke so oder ein Orth der Enttäuschungen

  1. Ich fand die Überschrift ja grandios :)

    Am spannendsten fand ich gestern ja fast, dass wir jetzt einen Praktikanten „Na, wenns sonst keiner machen will“ als Schatzmeister haben :)

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