Bunte Einheit

Wächst da zusammen, was zusammen gehört? Keine Angst: Jetzt kommen weder verspätete Berichte über staatliche Feiern in Hannover noch Vereinigungsträume mit den Fans aus Köpenick. Beim 3:0 gegen dezimierte Unioner treten vielmehr Kicker und Fans der Braun-Weißen als harmonische Verbindung auf.

All colours are beautiful

Der Regenbogen, der direkt vor Spielbeginn aus Rasensprenger und tiefgoldener Oktobersonne entstand, deutete das farbenfrohe Geschehen dieses Nachmittags bereits an. Zum Einlauf der Teams zeigte vor allem die Süd ein quietschbuntes Durcheinander. Auch auf der Gegengeraden konnte man ähnlich polychrome Elemente sehen, deren Anlass allerdings keine Freude war. Oz, dank seiner Graffitis weiterhin sichtbar in weiten Teilen der Stadt, war bei der Ausübung seiner Passion tödlich verunglückt. Auf zahlreichen Tapeten wurde sich von einem der wohl prägendsten Sprayer Hamburgs verabschiedet.

Mini-Exkurs an dieser Stelle: Während ich mir all die bunten Bilder anschaue und vielfach die Freude darüber wahrnehme, kommt mir ein anderer Gedanke. Die Schuhfarbe ist kein Ausdruck dafür, mit wieviel Leidenschaft und Ernsthaftigkeit ein (Profi)Fußballspieler seiner Arbeit/ seinem Hobby nachgeht. Geschmäcker sind verschieden. Schwarze Schuhe machen aus Spielern keine „echten“ Fußballer. Was soll die denn ausmachen? Härte, Blut, Schweiß? Und bunte Schuhe deuten auf Schauspieler, Schönspieler, Mädchen hin? Halte ich für dummes Gerede. Und den Subtext, der da mitschwingt, finde ich eher befremdlich. Ihr findet schwarze Schuhe schick? Ich auch. Ende. Schwarz, lila, hässlich – scheißegal.

Rote Karten soll man missen

Womit wir direkt im Spiel wären, bei dem nicht nur die Fußbekleidung farbenfroh war. In einer eher verhaltenen Anfangsphase hatte Union u.a. mit dem Schuss von Kreilach, der das Tor von Tschauner um weniger als einen Meter verfehlte, die etwas besseren Offensivszenen. Für St. Pauli war es kurz danach Nöthe, der einen langen Einwurf von Startsev (auch heute wieder: quadratisch, praktisch, gut) per Kopf nur knapp daneben setzte. Der nächste Angriff über rechts, den Budimir abschließen wollte, beendete Unions Jopek mit einem Foul im Sechzehner. Der klebte an Budimir so sicher wie Haftcreme, rempelte und rumpelte über den guten Ante so drüber, dass der nur zu Boden gehen konnte. Weil Jopek zudem auch noch letzter Mann war, geht die Rote Karte gegen ihn auch dann noch in Ordnung, wenn das Foul an sich nicht hart war.

Neben dem Roten Karton zeigte Referee Winkmann in dieser Partie auch noch sieben Mal Gelb. Die ein oder andere Szene kann er im Sinne einer einheitlichen Linie sicherlich anders bewerten, klare Fehlentscheidungen konnte ich bei der sonntäglichen TV-„Analyse“ nicht ausmachen.

Den Elfmeter versenkte Nöthe (so sicher wie schon in Frankfurt) als Reminiszenz an die Arbeiterklasse – kräftig, links, unten. Danach hatten die Braun-Weißen das Spiel deutlich besser im Griff und vor der Pause noch einige gute Chancen. Nach einer Flanke von Startsev standen mit Sobiech und Budimir gleich zwei Spieler genau richtig und sich damit gegenseitig im Weg. Lasse hebelte den einköpfbereiten Ante weg, der im Fallen den Ball neben das recht freie Tor setzte. Kurz danach zischte der Abschluss von Daube aus gut 16 Metern mit viel Spin über die Latte. Insgesamt war das aber eine gute Halbzeit, wenngleich Union die Hälfte davon mit einem Spieler weniger klarkommen musste.

Disharmonien

Ein paar Leute mehr fehlten dann nach dem Seitenwechsel im Fanbereich der Eisernen. Zur zweiten Halbzeit waren alle Fahnen und Banner sowie die Ultras der Unioner aus dem Gästeblock verschwunden. Weil sowohl die Vorkommnisse, die zu dieser Aktion geführt haben, als auch Teile des Gästeanhangs an sich nicht ganz so durchschaubar sind, sollen Spekulationen über das Ganze anderen überlassen werden. Ein paar dünne Infos gibt es u.a. beim Union-Podcast Textilvergehen (ab ca. 60 Minuten). Was an Auseinandersetzungen zwischen Unionern und St.-Pauli-Fans während des Spiels und außerhalb des Stadions, Unstimmigkeiten im Gästeblock und etwas angeschlagenen Thor-Steinar-Trägern genau dran ist? Einigermaßen plausibel, erwartbar und nachzusehen ist das wenig zimperliche Vorgehen der Hamburger Beamten, die ein „berechtigtes“ Kontroll- und Ordnungsansinnen hatten, mit den Gästefans (Bild 1, Bild 2, Bild 3, Bild 4). Weil ich direkt nach dem Spiel ein paar Möbel schleppen und selber mit Kicken beschäftigt war, konnte ich nur angespannte Atmosphäre im Stadionumfeld wahrnehmen. Ob der digitale oder analoge Blätterwald noch weitere Infos zu Tage fördern wird, wird sich zeigen.

Harmonie und Harmlosigkeit

Nach der Pause kehrte auf dem Rasen fürs Erste Ruhe und Frieden ein. Union schien uns locken zu wollen. Dem war aber kein Erfolg beschieden. Der FCSP spielte unspektakulär aber sicher, und ließ sich von einem immer lauter werdenden Stadion tragen. In den ersten 45 Minuten empfand ich die Süd als solide, aber irgendwie zu halbgar. Vielleicht haben mir die irre krachende Boxen vor dem Spiel die Ohren zerschossen? Vor allem die Gegengerade küsste das Millerntor mit seinen Wechselgesängen, die mir eine Gänsehaut auf halben Körper zauberte, dann aber richtig wach. Wenn die Unterstützung von den Rängen so läuft, dann verlieren die elenden Supportdiskussionen auch den letzten halben Prozentpunkt ihres Sinns.

Die Berliner ließen bis auf einen Heber von Brandy jede Torgefahr vermissen. Die einzige wirklich heikle Situation entstand beim Klärungsversuch von Sobiech, der mit seinem Bein da hinkam, woich nicht einmal mit dem Kopf hinkomme. Genau dieses Körperteil traf Lasse dann neben dem Ball bei Gegenspieler Quiring. Mit Gelb erhielt Sobiech (auch so etwas wie letzter Mann) dann eine durchaus glimpfliche Bestragung. St. Pauli hingegen konnte sogar noch zwei Mal nachlegen. Zunächst brachte der eingewechselte Verhoek eine bereits halb geklärte Alushi-Flanke auf Rzatkowski. Der köpfte an, schoss an und überwand letztlich liegend diverse Körperteile der Gästeabwehr. Marc hat sie früher im Krebsfußball sicher alle nass gemacht.

Kurz vor Schluss durfte Verhoek dann auch noch über seinen eigenen Treffer jubeln. Alushi hat bei seinem Zuspiel so viel Überblick wie Verhoek Zielgenauigkeit beim Abschluss – der Ball saust schnurgerade in den linken Winkel.

Euphonie und Euphorie?

Wieviel Begeisterung lässt sich aus diesem am Ende sicheren 3:0 mitnehmen? Wäre das Spiel ohne Berliner Platzverweis anders gelaufen? Blöde Frage, klar. Wäre es auch, wenn Sobiech für sein hohes Bein mehr Gelb gesehen hätte. Insgesamt machte das Meggle-Team aber einen sehr selbstverständlichen Eindruck. Vor allem das Mittelfeld mit Daube, Alushi und Kurt sicherte  Spielkontrolle und Zug nach vorn zugleich. „Dank“ der Länderspielpause müssen wir uns nun ein wenig länger gedulden um zu erfahren, ob es Stück für Stück besser wird oder ein weiteres Aue wartet. Positiv stimmt auf jeden Fall, dass sowohl die Elf auf dem Feld als auch die Paarundzwanzigstausend auf der Tribüne sich gut präsentierten: kreativ, bunt, und doch irgendwie als Einheit.

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