Highlife in Rathenow

tu_orQuelle: turus.net

Europa, wir kommen. Entgegen aller negativen Schwingungen reicht es in Rathenow zu einem nie gefährdeten 3:1-Sieg und damit zu Pokalrunde zwei.

Fahrten in die ländliche Provinz sind dank Teams wie Sandhausen oder Heidenheim in Liga zwei nichts Besonderes mehr. Das verschlafene Rathenow mit seinem Sportplatz bot dennoch diesen ganz eigenen Reiz, den Erstrundenspiele im Pokal mit sich bringen können. Bereits die Anfahrt mit dem Regionalverkehr war eine Entwöhnungskur für gestresste Großstädter.

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Keine Zeit für Weltarchitektur: Gleiswechsel in Uelzen

Entschleunigung mit den Stationen Hamburg, Uelzen, Stendal. Dass am Hundertwasserbahnhof aufgrund unserer Zugverspätung ein Hauch von Hektik aufkam, störte die innere Ruhe nur kurz.  Da hatten die diversen Bahnfirmen dann doch zu viel Angst vor einem Haufen gestrandeter Fußballfans in Uelzen, um den Anschlusszug nicht warten zu lassen. Highlights der Hinfahrt waren die verlassenen Wildwestost-Bahnhöfe (irgendwo im Waggon spielte jemand das hier an) sowie das Überqueren der Elbe („Ohne Elbe, wär hier gar nicht los. Ohne Elbe, wär hier gar kein Fluss“).

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Ordnung muss sein!

In Rathenow selbst waren die vielen gemütlich latschenden St.-Pauli-Fans dann offensichtlich aufregend genug. Selbst die angrenzenden Schrebergärtner ließen Primel einen Moment lang Primel sein und ergötzten sich an dem seltenen Schauspiel. Oder wie es ein lokaler Fan ins Mobiltelefon so schön hineinausdrückte: „Wat meinste, wat hier los is‘. Highlife, du!“ Dass ein stattliches Aufgebot an Pozileibeamten die Gästefans auf dem Weg zur Sportstätte vor den regionalen Gefahren beschützte, muss lobend erwähnt werden. Immerhin sollen Wölfe, Bären und vereinzelte Dorfnazis Bullen  Wildschweine in Brandenburg heimisch sein.

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Da wird sogar meiner Kamera schwindlig. Helferlein beim Ausflug im Gehölz

In Hülle und Fülle: Stille und Idylle

Bot der Bahnhof der brandenburgischen Kleinstadt schon wenig Urbanität, lag das Stadion jwd in der Natur. Umgeben von Birken, Nadelwald und einem See ließ die Sportanlage nicht den Hauch von Entspannung vermissen. Das übliche Aufgebot an Beamten wirkte zwischen all dem Grün wirklich sehr skurril. Die Landeskasse scheint im Berliner Hinterland jedenfalls üppig gefüllt zu sein. Bemerkenswert war auch das Gasthaus am Wolzensee, dass die mehreren Hundert St. Paulianer lieber nicht bewirten wollte und seine Eingänge von ein paar Uniformierten absichern ließ, statt den Reibach zu machen. Der Osten ist und bleibt eine Wiege des Antikapitalismus! (siehe auch: übernächster Absatz). Der Mob zog dann (un)bedient Richtung Stadion und gab mir die Gelegenheit, dieses beschauliche Videoschnippselchen zu drehen. Wenn St.-Pauli-Fans mit Singvögeln um die Wette trällern (leider etwas leise).

Das Gegenteil von Herzkasper

Bei Optik war man seit geraumer Zeit voller Vorfreude. Nachdem die Brandenburger im Vorjahr gegen den FSV Frankfurt denkbar knapp ausgeschieden waren, winkte diesmal ein sowohl sportlich wie atmosphärisch erfolgversprechenderer Gegner. Entgegen aller Erwartungen trat das Überraschende dann doch nicht ein. Der FCSP ließ vom Anpfiff weg keine Zweifel daran aufkommen, dass der Klassenunterschied am Ende auch im Ergebnis zu erkennen sein wird. Dass es letztlich auch kein Kantersieg werden würde, war angesichts des mauen Saisonstarts sowie dem nicht dann auch nicht total berauschenden Auftritt in Halbzeit eins abzusehen. Der doppelte Nöthe und Budimir sorgten für einen 3:0-Vorsprung, den Printemps mit dem späten Tor für Rathenow nur unbedeutend verkleinerte. Optik darf sich zugutehalten, dass es sich im zweiten Jahr in Folge gegen einen Favoriten achtbar aus der Affäre gezogen hat. Mehr war trotz umfassender Präparierung nicht drin.

 Wichtig ist auffem neben dem Platz

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Optisch und akustisch überlegen: Gästefans

Dass Vorbereitung nicht alles ist, zeigte auch die Getränkever- und entsorgung im „Stadion“ Vogelsang. So hatte Optik vor dem Spiel noch großspurig angekündigt, dass man „bestens vorbereitet“ sei und „die trinkfreudigen Hamburger Fans“ „keinen Grund zur Beschwerde“ haben würden. Reichten die zwei Getränkewagen vor dem Spiel noch aus, kamen Zapfer und Kassierer während der 90 Minuten nicht mehr hinterher. Kurz vor der Halbzeit ging dann am Bierstand so gut wie nichts mehr. Eine geschlagene halbe Stunde und zwei Tore später erhielt ich vom dezent überforderten Cateringpersonal meine Getränke. Interessant fand ich, wie mich das verzweifelte Warten innerlich (und wohl auch äußerlich) veränderte. Wunderte ich mich beim Einreihen am Bierstand noch über die übelgelaunten Menschen, verlor ich in den nächsten 30 Minuten selbst beinahe die Fassung. Auf einmal kamen mir meine Mitmenschen fast schon besonnen vor. Durst haben, eigentlich ein Fußballspiel gucken wollen und dann noch ohne System nicht drangenommen zu werden, da ist es mit der guten Laune schnell vorbei.

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Wer näher dran sein will, muss Bezahlfernsehen gucken

Schlechte Bierversorgung beim Fußball, kommt vor und ist irgendwie ein Luxusproblem, sagt mein Restverstand. Glücklicherweise pausierte der Sommer auf nicht absehbare Zeit, so dass auch die mangelhafte Versorgung mit nicht alkoholischen Getränken ohne ernsthafte Konsequenzen blieb. Weniger Luxus als vielmehr Not ist wiederum das Loswerden jeglicher Flüssigkeiten. Und da sind, sorry, acht Dixieklos für 2000 Menschen einfach mal völlig daneben. Dass die allseits präsenten Ordnungshüter dann auch noch das diesmal vernünftige Wildpinkeln unterbinden mussten, setzte dem geistfreien Gemüt den Helm auf. Zurück im Block versöhnte mich dieser in den letzten 25 Minuten mit überschwänglichem Gesang und Tanz. Positive Vibrationen funktionieren auch fast abgekoppelt von Fußball und dem ganzen Drumherum. Das finden vermutlich manche nicht so situationsbezogen, war angesichts des Kicks und der letzten Wochen allerdings einfach mal ok.

DFB-Pokal, ist noch nicht egal

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Auf Wiedersehen: Rathenow verabschiedet sich standesgemäß

Unser nächste Ligagegner aus Sandhausen hat dagegen wie manch anderes Team gezeigt, was im Pokal so alles schiefgehen kann. Ob das Erstrundenaus der Sandhäuser in Bielefeld aber auch nur den Hauch von Bedeutung für Freitag hat, zweifle ich gelassen an. Wie in jedem Jahr sorgen unterklassige Teams für die eine oder andere Überraschung. Die meisten Proficlubs hielten sich jedoch ohne viel Spektakel schadlos, manche benötigten aber immerhin die Verlängerung oder das Elfmeterschießen. Insofern ist das 3:1 der Vrabec-Elf als ordentliches Ergebnis zu werten, dass im Hinblick auf die restliche Saison kaum Aussagekraft haben wird.

Randbemerkung: Sympathiepunkte nach Abpfiff sammelte der gute Budimir, der, wenn auch noch etwas zaghaft, das „St. Pauli, St. Pauli“ aus dem Block mit Lippen- und Armbewegung mitmachte. Schöne Geste, die das zuletzt bei vielen so schmerzlich vermisste Feuer dies- und jenseits des Zauns zumindest künftig wieder mehr entfachen könnte.

Wenn die ganze Kurve für Sankt Pauli singt,

schallt es durch das Millerntor.

Die besten Ultras dieser Stadt singen nur für dich.

Also auf geht’s FC, schieß noch ein Tor.

Weitere Berichte in Wort und Bild:

Bilder bei USP

Kleiner Tod: …es gibt tatsächlich eine 2. Runde im DFB-Pokal

Magischer FC: Zu viel Schaum, zu wenig Bier

metalust: Lost Highway. Oder wie Alicia Keys uns Wald und Mais entriss (Optik Rathenow – FC St. Pauli 1:3)

Bericht der Breitseite

Worte des Southendscums (in englischer Sprache)

Photos bei turus.net

Bilder auf der Vereins-HP

Spielbericht von Optik

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3 Gedanken zu “Highlife in Rathenow

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